Asthma und COPD: Atemlos in der Stadt
Wie Feinstaub unsere Atemwege angreift, und warum Millionen von Menschen mit Asthma und COPD besonders schutzlos sind, wird in diesem Magazinartikel erläutert.
Jedes Mal, wenn wir Luft holen, atmen wir auch ein, was wir nicht sehen können. Millionen winziger Partikel, die durch Abgase, Industrieemissionen und Reifenabrieb in der Luft schweben. Für die meisten gesunden Menschen in unseren westlichen Industrienationen ist das subjektiv nicht immer so spürbar. Für die rund 3,5 Millionen Menschen in Deutschland mit Asthma2 und die fast 6 Millionen mit COPD3 ist es jedoch eine ständige, oft unterschätzte Bedrohung.
Ein paar Zahlen dazu:
• ~30 % aller neuen Asthmaerkrankungen weltweit stehen mit Feinstaub in Verbindung.¹
• 3,5 Mio. Menschen in Deutschland leben mit Asthma bronchiale.²
• 5,9 Mio. Menschen in Deutschland haben eine COPD-Diagnose – Tendenz steigend.³
• Platz 3 der häufigsten Todesursachen: COPD ist weltweit und in Europa die dritthäufigste Todesursache – nach einer ischämischen Herzerkrankung und dem Schlaganfall.⁴
Was ist Feinstaub und wo kommt er her?
Feinstaub ist keine einheitliche Substanz, sondern ein Sammelbegriff für Partikel unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung. Besonders kritisch ist PM2,5, das sind Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern, also rund dreißigmal dünner als ein menschliches Haar. Diese Partikel entstehen hauptsächlich beim Verbrennen von fossilen Brennstoffen insbesondere bei Diesel-Ruß, durch Industrieprozesse, Reifenabrieb, aber auch durch scheinbar harmlose Quellen wie das Kochen mit Öl oder das Anzünden von Kerzen.
Das Tückische ist, dass PM2,5-Partikel so klein sind, dass sie nicht in den oberen Atemwegen hängen bleiben. Sie dringen tief in die Bronchien und sogar in die Lungenbläschen (Alveolen) vor, genau dort, wo der Gasaustausch stattfindet. Der Körper kann diese Partikel nicht einfach abtransportieren, und das Immunsystem reagiert, oft chronisch.
Was passiert in der Lunge?
Wenn PM2,5-Partikel auf die Schleimhaut der Atemwege treffen, lösen sie eine Entzündungsreaktion aus. Das Immunsystem schüttet bestimmte Botenstoffe, sogenannte Interleukine aus, die Atemwege schwellen an, und die Bronchialmuskulatur zieht sich zusammen.5 Bei Asthmapatient:innen, deren Atemwege bereits überempfindlich sind, kann das innerhalb von Minuten zu einem akuten Anfall führen.
Bei COPD ist die Situation noch komplexer: Feinstaub und Zigarettenrauch schädigen gemeinsam die Alveolarzellen und stören den normalen Reparaturmechanismus der Lunge. Langfristig entstehen so die für COPD typischen emphysematösen Veränderungen (Überblähungen der Lunge), die Lungenbläschen zerstören sich, Luft bleibt eingeschlossen, und das Atmen wird zur Dauerherausforderung.6
Der Unterschied zwischen Asthma und COPD
Obwohl beide Erkrankungen die Lunge betreffen, reagieren sie auf Feinstaub auf unterschiedliche Weise. Asthma ist in erster Linie eine entzündlich-allergische Erkrankung mit einer reversiblen Verengung der Atemwege. Ein Anfall kommt oft schnell, ausgelöst durch Feinstaubspitzen, erhöhte Ozonwerte oder Pollenbelastung. Zwischen den Anfällen können die Atemwege wieder vollständig frei sein.
COPD hingegen ist eine progressive Erkrankung. Die Obstruktion nimmt über Jahre zu und ist nicht vollständig umkehrbar. Feinstaub beschleunigt diesen Prozess enorm. Besonders gefährlich ist die Kombination aus langjährigem Rauchen und erhöhter Feinstaubexposition, beide Faktoren verstärken sich gegenseitig und führen schneller zu plötzlichen Verschlechterungen, die häufig eine akute Krankenhausbehandlungen erfordern: Laut der Österreichischen Lungenunion mussten "35 % der COPD-Betroffenen innerhalb der letzten zwölf Monate eine Krankenhausambulanz aufsuchen."6
Klimawandel als Verstärker
Die Situation wird für Betroffene durch den Klimawandel zunehmend komplizierter. Höhere Temperaturen erhöhen bodennahes Ozon, verlängern die Pollensaison und erzeugen Wetterlagen, unter denen sich Feinstaub stärker konzentriert. Städtische Wärmeinseln, besonders in dicht bebauten Innenstädten ohne Grünflächen, zeigen dauerhaft erhöhte Feinstaubwerte. Für Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen bedeutet das, dass selbst an Tagen ohne akute Luftverschmutzungswarnung die Belastung bereits gesundheitlich kritisch sein kann.
Was können Betroffene tun?
Moderne Therapieoptionen, von inhalierten Kortikosteroiden über langwirksame bronchienerweiternde Wirkstoffe bis hin zu therapeutischen Antikörpern bei schwerem Asthma, können die Reaktion auf Feinstaub deutlich dämpfen.⁸ Entscheidend ist aber auch, dass Betroffene ihre eigene Erkrankung kennen und frühzeitig auf Warnsignale reagieren. Folgende Maßnahmen können im Alltag helfen:
• Feinstaubwerte täglich prüfen (z. B. Luft-App des Umweltbundesamts oder IQAir)
• An Belastungstagen intensive körperliche Aktivität im Freien meiden
• Fenster an stark befahrenen Straßen während des Berufsverkehrs geschlossen halten
• FFP2-Masken bei erhöhten Werten und langen Wegen in der Stadt tragen
• Innenraumluft verbessern: Luftreiniger mit HEPA-Filter nutzen, Kerzen- und Kochrauch minimieren
• Notfallmedikation (schnell wirkender Bronchodilatator) stets griffbereit haben
• Mit dem behandelnden Arzt einen individuellen Aktionsplan für Belastungstage erstellen
Das Motto des Weltasthmatages 2026
Die Global Initiative for Asthma (GINA) steht in diesem Jahr unter dem Motto: It's All Connected – Wir sind alle miteinander verbunden.7 Asthma betrifft Familien, Arbeitgeber, Schulsysteme und das Gesundheitswesen als Ganzes. Und Feinstaub ist kein persönliches Problem, sondern ein gesellschaftliches, entstanden durch kollektive Entscheidungen in Mobilität, Energie und Stadtplanung.
Der Weg zu saubererer Luft ist zugleich der Weg zu weniger Asthmaanfällen, weniger COPD-Exazerbationen und weniger Krankenhauseinweisungen. Das ist eine Botschaft, die weit über den 5. Mai hinaus Gültigkeit hat.
Quellen:
1. Zhao Y et al. Long-term exposure to PM2.5 has significant adverse effects on childhood and adult asthma: a global meta-analysis and health impact assessment. One Earth, Oktober 2024. DOI: 10.1016/j.oneear.2024.09.022.
2. Lungeninformationsdienst (Helmholtz Zentrum München). Asthma bronchiale – Häufigkeit. [Internet]. 2024. Online verfügbar unter: www.lungeninformationsdienst.de .
3. Deutsche Atemwegsliga e.V.Rund 5,9 Millionen Menschen in Deutschland leben mit COPD. Pressemitteilung zum Welt-COPD-Tag. [Internet]. November 2025. Online verfügbar unter: www.atemwegsliga.de.
4. Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). COPD ist weltweit und in Europa die dritthäufigste Todesursache. Pressemitteilung. [Internet].zuletzt aktualisiert 2023. Online verfügbar unter: www.dgp.de.5 Zhao J et al.Role of PM2.5 in the development and progression of COPD and its mechanisms. Respiratory Research 2019; 20: 112. DOI: 10.1186/s12931-019-1081-3.
5. Simmalee S et al. Exploring the pathogenesis and clinical implications of asthma, COPD, and asthma-COPD overlap (ACO): a narrative review. Frontiers in Medicine, April 2025. DOI: 10.3389/fmed.2025.1514846.
6. Österreichische Lungenunion: Versorgungsumfrage Asthma und COPD 2026. [Internet]. Veröffentlicht anlässlich des Weltasthmatags, Mai 2026. Online verfügbar unter: kneippbund.at.
7. Global Initiative for Asthma (GINA). World Asthma Day 2026 Theme – "It's All Connected". [Internet] 2026. Online verfügbar unter: ginasthma.org. Global Patient Alliance for Allergies and Respiratory Diseases (GAAPP): gaapp.org/de/asthmaday2026.
8. Deutsche S2k-Leitlinie COPD 2026. Fachärztliche Diagnostik und Therapie der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung. [Internet]. 2026. Online verfügbar unter: www.atemwegsliga.de.